abheben

Jugend am Land. Für Jugendliche in ländlichen Regionen birgt das Leben abseits großer Verkehrsströme die Herausforderung der Mobilität, physisch wie emotional. Wichtig sind daher Smartphone und Moped - für WhatsApp, Instagram und Freiheit.

Werner Neururer hat in einer fotografischen Recherche Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren zu einem Interview und einem Fototermin gebeten und die Ergebnisse in Texten und Bildtableaus zusammengefasst. Was diese Mädchen und Burschen gemeinsam haben: sie haben alle die selbe 4. Klasse einer Volksschule besucht und leben im Tiroler Unterland. Die Lebensjahre zwischen 14 und 16 Jahren sind, weil hier der Absprung, das Abheben ins Erwachsenwerden passiert, verbunden mit Ungewissheiten, mit Wünschen und Träumen. Die Jugendlichen finden sich in einer für ihre Zukunft entscheidenden Lebensphase, in der die Richtung vorgegeben wird für eine berufliche Ausbildung und eine soziale Integration und damit verbunden eine individuelle Identitätsfindung.

Werner Neururer ist auch Pädagoge. Als solcher wagt er einen Blick in das Privatleben seiner ProtagonistInnen. Und dieser Blick ist nie voyeuristisch, aber auch nie dokumentarisch distanziert. Einfühlsam geht Neururer auf die Jugendlichen zu, stellt Fragen nach Berufswunsch, sozialem Umfeld und Freizeitgestaltung, nach Wünschen und erhält erfrischende Antworten. Seine Fotografien, konzeptuell angelegt, spiegeln diese Vertrautheit zwischen Modell und Fotografen wider. Neururers fotografisches Interesse richtet sich auf Porträt, Wohn- und Lebensraum der Jugendlichen, porträtiert sie in ihrem privaten Umfeld.

In einer anhaltenden digitalen Bilderflut hat das Private inzwischen eine andere Bedeutung bekommen. Wo über Facebook und andere soziale Netzwerke via „Selfies“, selbstgemachten Porträts, alles Private öffentlich wird und Andy Warhols „15 minutes of fame“ schon lange Wirklichkeit geworden sind, hat sich das Private im Sinne von Intimität schon lange aufzulösen begonnen. Freilich um den Preis der Oberflächlichkeit und des Flüchtigen. Werner Neururers Fotoarbeit „Abheben“ blickt tiefer, lässt entgegen dieser egozentrischen Inszenierung das Intime im Privaten wieder mitschwingen.

Wahrscheinlich weil ihm die Jugendlichen doch nicht alles gesagt haben?

[Günther Moschig]

"Abheben" ist das zweite Projekt im Rahmen der "fotodok angerberg". 2013-2014.